Sonntag, 19.  Februar 2017

Der Busen der Frau H. Teil II

Ein feuchtes Gefühl auf der Oberlippe weckte mich. Es war Nacht. Meine Nase lief. Um meinen Zimmergenossen U. nicht zu wecken, holte ich im Dunkeln aus dem Kleiderschrank ein Taschentuch und schnäuzte kräftig hinein. Als sie immer noch lief, das Gleiche nochmal. Nach dem drittenmal schaltete ich dann doch das Licht an. Ich erschrak: meine Nase blutete, und das ziemlich kräftig. Der Wecker zeigte auf vier. Noch über eine Stunde bis zum Aufstehen. Da das Bluten nicht aufhörte, bat ich meinen Mitbewohner um Hilfe. U., wie immer hilfsbereit, holte mir eine paar Taschentücher aus dem Schrank. Von diesen hatte ich Dutzende, denn Mutter legte in jedes Paket eine Menge davon zur sauberen Wäsche und dem obligatorischen Traubenzucker (mit dem hätte ich handeln können, soviel hatte sich angesammelt. Aber das ist eine andere Geschichte). Damit kein Missverständnis entsteht; es handelte sich um Stofftücher, oder wie mein Vater sie nannte, Sacktücher. Papiertaschentücher waren noch nicht so verbreitet. Vermutlich noch zu teuer.

Inzwischen stand die Uhr auf fünf und der Haufen blutgetränkter Taschentücher auf dem Boden neben dem Bett wurde immer größer. An Aufstehen war nicht zu denken. Auch wurde mir ein wenig bange ob des verlorenen Blutes. Als sich U. dann um sechs Uhr auf den Weg zur Bahn machen musste, meine Nase aber immer noch blutete, verständigte er den Heimleiter Herrn H. Um sieben kam Frau H., sah sich die Bescherung an, erschrak und versprach baldmöglichst einen Arzt zu holen. Der kam dann auch, allerdings erst um neun Uhr. Meine Taschentücher waren inzwischen aufgebraucht. Der Arzt sah sich die Bescherung an, erstellte aber keine Diagnose, sondern stopfte mir eine riesige Menge Watte in das immer noch blutende Nasenloch bis in die Stirnhöhle. Bevor er ging, gab er Frau H. noch Anweisungen für meine weitere Behandlung. Auf jeden Fall müsse die Watte am folgenden Tag raus. War das Hineinstopfen der Watte schon schlimm, welche Qualen würde erst das Herausziehen verursachen. Ich erwartete also mit Grauen den nächsten Tag.

Dieser begann wie immer mit viel Krach in den Zimmern und auf den Fluren, Türen schlagen und Geschrei. Als auch der Letzte aus dem Haus war und Stille einkehrte, dachte ich wieder an meine "Operation". Es wurde mir fast schlecht vor Angst. Um neun kam Frau H. Es war ihr anzusehen, dass die anstehende Aufgabe auch bei ihr ein mulmiges Gefühl auslöste. Nachdem ich ein wenig Platz auf dem Bett machte, setzte sich Frau H seitlich darauf. Sie besah sich die Nase und beugte sich dabei mit gedrehten Oberkörper über mich. "Über mich gebeugt" beschreibt die Lage nur ungenau. Eigentlich ruhte ihr Oberkörper, präziser gesagt ihr Busen auf meiner Brust, während sie sich meine Nase genauer besah. Auf einmal war mir gar nicht mehr komisch zumute. D. h. komisch war mir schon, aber auf eine angenehme, wohlige Art. Ja, ich fühlte mich mit einem Mal wohl, trotz des anstehenden Eingriffs. Auch hatte ich wieder dieses Kribbeln im Körper, welches in Wellen rauf und runter ging. Frau H. also zog vorsichtig an dem aus der Nase stehenden Zipfel Watte. Ihr rechter Arm bewegte sich dabei, von mir aus gesehen nach unten in Richtung meiner Beine und dem dazwischen liegenden, berührungsempfindlichen Körperteil. Ich hatte Angst, mich bei dessen spürbarer Veränderung zu verraten und rückte noch mehr beiseite. Frau H. dachte wahrscheinlich ich hätte Schmerzen und beruhigte mich mit Worten. Derweil kam ihr rechter Ellenbogen besagtem Körperteil immer näher. Zum Glück, wie ich damals meinte, veränderte sich dieser kaum merklich, ob aus Angst oder sonst was, war mir in diesem Moment egal. Kaum war ich mit meinen Gedanken im Reinen, wischte ihr Ellenbogen mit leichten Druck darüber. Sie musste doch spüren, dass da etwas im Wege war! Doch ich merkte ihr nichts an, sie schien mit voller Konzentration bei der medizinischen Angelegenheit zu sein. Trotzdem ruhte der Arm dort eine Weile. Wie lang kann ich nicht sagen, denn die Zeit stand still, nein, sie existierte nicht mehr. Ich weiß auch nicht mehr wie lange der ganze Vorgang dauerte. Was ich aber danach wusste:

Ihr Busen spielte nicht mehr die erste Geige.

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