Samstag, 25.  Februar 2017

...also die Ära von Flower Power, Che Guevara, "Give Peace A Chance" und "Make Love, Not War", die ging auch an uns 67er Lehrlingen nicht vorbei.

Obwohl, mit Auflehnung, Studentenunruhen und sonstigen revolutionären Bewegungen konnte ein braver und wohlbehüteter FLehrl nicht viel anfangen. Und selbst der harmlose Versuch, mal ganz antiautoritär irgendetwas ein bisschen kritischer zu hinterfragen als üblich, der endete meist mit einem ". mach´ erstmal deine Prüfung" und schon saß man wieder fleißig an seinem Wochenbericht. Um die damaligen politischen Umbrüche richtig zu verstehen, waren wir noch zu jung, und für die "Freie Liebe" sowieso. Dann hörte man auch viel von Haschisch und anderen Wunderdrogen. Aber wie drankommen und vor allem, wie bezahlen?

Auch mit den äußeren Zeichen der Hippie-Zeit gab es so manches Problem. Ein Bart, ja gerne, aber wie, mit 15, 16 Jahren? Lange Haare, gut, aber nur so lange, bis einen der Lehrherr zum Frisör schickte. In Härtefällen gab sich dann der Lehrlingsbetreuer als Speerspitze der Gegenrevolution und überwachte höchstpersönlich und fürsorglich die Hinrichtung der modischen Haarpracht. Ein grüner angeschmuddelter Ami-Parka? Den konnte man sich vom kargen Lehrlingsgehalt zwar leisten, durfte damit aber nicht ins Elternhaus (geschweige denn aus dem Haus).

Nur wenige haben das durchgestanden. Die wurden von der Obrigkeit zwar schief angeguckt (Mobbing war ja noch nicht erfunden), wurden aber von den Kollegen als mutige Märtyrer beneidet. Der 68er-Geist aber, der war bei vielen da und ist es im Herzen auch heute noch.

Wunsch und Wirklichkeit von damals, diesen Widerspruch sah man auf dem Bücherregal in meinem Wohnheim-Zimmer. Da stand neben der Mao-Bibel und Lenins Schriften (beide ungelesen) ein Starfighter-Modell mit voller Bewaffnung. Was den Heimleiter zu so mancher Bemerkung veranlasste . . .

Ein bisschen echte Revolution gab es aber doch. So zum Beispiel den Boykott der Preißlerstraßen-Kantine. Der war auch aus heutiger Sicht mehr als berechtigt und daran beteiligten sich solidarisch auch einige Ausbilder. Bewirkt hat er allerdings nicht viel.

Auch die Rädda Barnen-Küche wurde bestreikt - das sicher zu Unrecht. Wie weh das den doch ganz netten Küchen-Damen getan haben muss, die doch immer versuchten, das Beste aus ihrem Budget herauszuholen, darüber habe ich erst viel später nachgedacht. Immerhin hatte die Revolte im Heim zur Folge, dass drei Revoluzzer (natürlich im besten Anzug und mit Krawatte) dem Städtischen Jugendamtsleiter höchstpersönlich eine Petition mit vielen Unterschriften vorlegen durften. Daraufhin wurden nicht nur ein Heimausschuss und ein Küchenausschuss gegründet und auch ernst genommen, sondern auch das Freizeitangebot erheblich erweitert.

Bei der Post änderte sich nach 1968 ebenfalls die Stimmung, wenn auch sehr sanft und nicht immer direkt spürbar. Darum gehört auch das zu diesem Thema: Eines Tages kam von höchster Stelle die Anweisung: Lehrlinge sind per "Sie" anzureden. Die meisten Ausbilder ignorierten dies einfach und von einigen kam das vornehme "Sie" ganz betont spöttisch und süffisant. Aber es gab auch Meister, die ausdrücklich von ihrer Gruppe gebeten wurden, doch weiterhin beim "Du" zu bleiben.


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