Mittwoch, 24.  Mai 2017

Ein langes Gesicht gab es, wenn man in den ersten Lehrwochen seine Schulfreunde traf. Alle waren plötzlich erfahrene Installateure, Elektriker oder Automechaniker, wussten und konnten alles und schmissen ihren Lehrbetrieb schon ganz alleine. Und wir Fernmeldelehrlinge mit unserem High Tech-Beruf? Wir standen monatelang an Schraubstock, Drehbank oder Schmiedefeuer und ein unnützes Werkstück jagte das nächste.

Wochenlang verzweifelten wir am U-Eisen. Anfangs ein rohes, grob abgesägtes Eisenstück im U-Profil, direkt aus der Gießerei. Schwarz, schwer, klobig, scharfkantig, angerostet. Monate später: Wunderschön poliert, metallisch glänzend, entgratet, zuerst grob und dann fein auf Maß geschruppt und gefeilt. Hier plan, da gerundet. Mit diversen Bohrungen und Gewinden versehen, und mitten drin ein kunstvoll ausgesägtes Vierkant-Loch. Dazu gehörte ein passend gedrehtes universelles Zapfenstück, welches die Maßhaltigkeit aller Bearbeitungsschritte beweisen konnte (… oder auch nicht). Auch gemalt wurde das U-Eisen in allen Details und aus allen Perspektiven, natürlich nach den DIN-Vorschriften für technische Zeichnungen. Und unendlich geprüft und vermessen, mit Winkel, Schublehre und Mikrometer.

Wo steht das Denkmal für den unbekannten Konstrukteur dieses Werkstückes? Viele Jahrzehnte vor unserer Zeit erfunden, war das U-Eisen für Generationen von Lehrlingen d a s geniale Lern-Objekt für den Umgang mit Material und verschiedenstem Werkzeug. Schlichtweg eine eierlegende Wollmilchsau. Nicht nur bei der Post in West und in Ost, auch bei Bahn oder Siemens, VW oder Daimler, bei allen großen Lehrwerkstätten stand das U-Eisen am Anfang von großen Karrieren.

Bestimmt nicht ohne Absicht diente das U-Eisen auch noch anderen Zwecken: Neben den rein manuellen Fertigkeiten kriegte man damit auch viel mystisch-philosophisch-psychologisches für den handwerklichen Beruf vermittelt. Das Gefühl für Genauigkeit und zuverlässiges Arbeiten zum Beispiel. Die Geduld, mit viel Schweiß, manchmal auch mit Tränen und Blut etwas pünktlich und „nach Plan“ fertig zu kriegen. Das Wissen, dass schmutzige Hände und Blasen an den Fingern keine Schande sind. Und den Stolz, wenn der Meister dann endlich einmal sagte „Na ja, geht grad so“.

Mehr als 30 Jahre hat mein inzwischen schön verchromtes U-Eisen meine Schreibtische geschmückt, vom Baubezirk bis ins Ministerium. Und es war dabei oft ein wichtiges Kommunikationsmedium, wenn Besucher es entdeckten und überrascht sagten „he, warst Du wohl auch … ?“. Schnell war dann eine besondere Gemeinsamkeit da, es hing plötzlich der Geruch von Eisenspänen und Bohrmilch im Raum und jedes noch so strittige Problem war schon halb gelöst.

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